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Die wahre Qual: Die bedeutungslose Wahl

Dienstagmorgen, 7.45: Soll ich den 8.07 Bus nehmen oder den um 8.29, frage ich mich. Gehe ich 8.07 könnte ich am Bahnhof in Luzern noch einkaufen gehen – sonst gehe ich halt in Basel. Aber wenn ich 8.29 gehe, muss ich ja doch 8.15 aus dem Haus – denn die Bushaltestelle ist weiter entfernt. Dafür kaufe ich erst in Basel ein und schleppe somit meine Einkäufe nicht im sowieso überfüllten Zuge mit. „Also, welcher Bus jetzt?“ frage ich mich über eine Tasse Kaffee gebeugt und merke, dass heute einer dieser Tage ist, an dem es selbst dem fatalistischen „ich“ schwer fällt, zu beantworten, ob ich Ehrlichkeit oder Lüge will.

Das eigentliche Problem an diesen Fragen ist: Die Beantwortung spielt überhaupt keine Rolle. Mir ist egal was ich mache, meinem Chef ist’s scheissegal und dem Rest der Welt sowieso.

„Noch eines nehmen“ dann die Augen zu und durch heisst die Devise. Wo die Gleichgültigkeit einzieht, dort besteht die Qual der Wahl nicht in der Fülle der Optionen, sondern in der absoluten Bedeutungslosigkeit von Entscheidungen.

An solchen Tagen – man sollte sie illuster als Bewusstseinstage bezeichnen – brauche ich fünf Minuten, bis ich weiss, ob ich nun einen Espresso oder einen Kaffee will. Dabei hätte ich mir extra Regeln ersinnt für solch dilettantische Dilemmata: Espresso immer nach dem Essen, sonst Kaffee. Aber auch die Regel entlastet nicht vor der Wahl, sie zu befolgen oder zu brechen…

Situationen, die Entscheidungen erfordern, ignoriere ich dann auch grosszügig und in weiser Voraussicht: Kopfschütteln und Blicke die von tiefem Unverständnis zeugen, bringen mich meist zu Tränen. Wohl solchen, die dem Krokodil ähneln….

Und dann werde ich zum Abendessen ausgeführt doch die Speisekarte überfordert mich masslos. Mit einer vor Verzweiflung bebenden Stimme bitte ich meinen Begleiter, für mich zu wählen; er weiss ja was ich mag; und das ist heute ganz sicher nicht die Wahl.

Die zahlreichen Auswahlmöglichkeiten sind nichts für simple Gemüter wie mich. Gepaart mit der Sinnlosigkeit von Situationen und der Bedeutungslosigkeit von Entscheidungen treiben sie mich an den Rand des Wahnsinns, oder ins Bad darin. Gut gibt es da Menschen, die besser wissen, was man will, wenn man nichts wollen will: Das erste, was ich an diesem Tag geniessen kann, ist das Rib-Eye-Steak, für das ich mich nicht selbst entscheiden musste und von dem mein Begleiter wohl wusste, dass es ebenso gut ein Schnitzel hätte sein können.