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Die Welt brennt

Die Bomben die in Bagdad Menschenkörper zerfetzen und die Menschen, die in Ägypten für Gerechtigkeit schreien, heizen den Bildröhren unserer Plasma-TVs so richtig ein. Und nicht nur ihnen: Auch wir haben uns längst an den Tod durch Krebs, der 80-Jährige aus dem Hinterhalt (!) überfä llt, gewohnt und schenken unsere Aufmerksamkeit den abgetrennten Beinen von Kindersoldaten.

Die Gewaltherrschaft der Diktaturen dieser Welt interessiert uns, die mit Demokratie Gesegneten, erst mit hochgelagerten Füssen, Bier in der Hand und einer Schlagzeile vor der Nase.

Ägypten aber beweist dann: Das Internet macht’s möglich den Aufstand selbst im totalitären Regime zu organisieren denn das World Wide Web diktiert nur das hier und jetzt. Frei sind wir dank Mobilisierung per Klick! Auf Facebook ist es ein Leichtes Freunde mit gemeinsamen Feinden zu finden, denn im Netz ist man nicht oder man ist irgendwer gegen oder für was auch immer.

Die Stille der menschenleeren Wohnzimmer in den Lofts unserer Patchwork-Familien wird jäh zerbrochen durch die stampfenden Füsse einer Rebellengruppe, die endgültig die Nase voll hat von ihrem Diktator – was wir dank swisscom-tv auch nach unserem viel wichtigeren Programm noch mitkriegen. Dieser Aktivismus ist dann ansteckend: Man organisiert hierzulande eine Caipirinha-Party mit Freunden auf der Dachterrasse, eine Massen- und Nacktwanderung unter dem Motto „Free Tibet“ oder ein Botellon mit Gleichgesinnten Besinnungslosen. Und wir stossen an auf die Liebe zum Leben die in den Herzen all jener lodert, die sich’s leisten können.

Die Luft im Freien ist zwar nicht mehr getrübt von den Aschewolken die einst über den Gaskammern von Auschwitz schwebten, und auch gegen den lästigen Zigarettenrauch der Spezies Raucher haben wir Abhilfe geschaffen, doch wir leiden immer noch; unter Hausstaub, Elektrosmog und brennender Erde. Der Wohlstand verbrennt nicht nur Tonnen von Öl, sondern auch all die Finger, die sich an ihm vergreifen wollen.

Auf den Scheiterhäufen unserer Zeit werden vielleicht keine vermeintlichen Hexen mehr gerichtet, aber weniger grausam sind sie deswegen nicht geworden: Auf ihnen schmelzen die ausgemergelten Körper der Drogentoten und Kinderprostituierten. Der freie Markt kreiert neben viel Abfall vor allem auch viel Abschaum, der zuletzt noch die Springer der Kornhausbrücke anschwemmt. Aber wir haben noch unsere Helden! Es sind die, die bei „wer wird Millionär“ Fünfhunderttausend absahnen.

Während wir arbeiten um zu leben und demonstrieren für ein lebenswerteres Leben, kämpfen die anderen ums Überleben und gehen auf die Strasse für die Berechtigung dazu. Und irgendwie täuscht sich niemand mehr darüber hinweg, dass keine der beiden Optionen die Bessere ist.

Wir, die Nörgeler dieser Welt beklagen uns auf dem Totenbett dann auch noch über den Wohlstand der uns beschert ist und für den wir uns schämen ohne zu realisieren, dass wir die Wahl längst verloren haben: Denn die Welt steht in Flammen.

Illustration: Si-yü Steuber