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Ja ich will!

Mai – der Hochzeitsmonat schlechthin. Mit der High Season der Trauungen kommt auch die der dümmsten Tradition überhaupt: des Polterabends. In Scharen pilgern sie daher, in komischen Kostümen und mit eigenartigen Plänen die allesamt darin gipfeln, einen letzten Freifick auf der Parkbank unter dem gröhlenden Applaus der debilen Freundinnen und Freunde zu absolvieren.

„Ein letztes Mal die Sau rauslassen“ klingt da sogar noch niveauvoll für das, was sich dann eigentlich abspielt.

Ob nun Geld sammeln für „sie dürfen die Braut jetzt küssen“ oder eine Fremdbewertung der Attraktivität der zukünftigen Braut bzw. des Bräutigams: langweiliger kann ich mir einen Abend nicht vorstellen. Daran ändern nicht einmal die zahlreichen Shots, die an solchen Abenden von Hand zu Hand gehen, etwas.

Ja und dann die zwischenzigarettlichen Smalltalks über was für ein tolles Paar die beiden doch sind und wie schön es ist, dass sie sich endlich gefunden haben, wie grandios, dass sie die hohen Hürden des gemeinsamen Lebens schon so lange nehmen konnte und dass sie ihre Anfangsschwierigkeiten überwinden konnten und ihrer Liebe eine Chance geben, kotzen mich regelrecht an. Die eifersüchtige Exfreundin, die langsam grün wird vor Neid und dummerweise zugesagt hat, Trauzeugin zu sein, weil sie sich bis zu diesem Abend den beiden ja ach so verbunden gefühlt hat, nun aber die alten, schmerzhaften Gefühle wieder aufkommen und sie sich daher zum Ziele setzt, an der Hochzeit mit einer so scharfen Aufmachung aufzutrumpfen, dass der Bräutigamm sich noch vor dem Altar über sie hermacht. Dabei wäre doch der Polterabend die Chance dafür, denn was da passiert, muss ja niemand (bzw. die Braut nicht) wissen. Auch der Exfreund möchte vielleicht die Gelegenheit noch nutzen, der schönen Braut seine geheimsten und tiefsten Wünsche bezüglich einer gemeinsamen Nacht im Beduinenzelt zu gestehen, da er ja immer noch an ihr hängt und die Zeit, die sie hatten die Beste seines Lebens war. Sollte sie dann nicht in Tränen ausbrechen und sich die Sache mit dem Bräutigam nochmal überdenken (der nämlich hat noch nie was von Beduinenzelt geschwafelt), besäuft er sich mit seinen guten Freunden, verfällt ins Lästern über die Bett-Qualitäten und natürlich auch -Quantitäten der Braut und tröstet sich im Bordell mit einer Blonden, die was vom Lieben versteht.

Mit dem Ring am Finger nach diesem „ja ich will“ ändert sich so viel auch nicht – oder sollte eben nicht. Vielleicht wäre es angebracht, einen Gedanken daran zu verschwenden, dass der Seitensprung wenn dann erst im verflixten siebenten Jahr kommen sollte. Dann nämlich beklagt man sich, dass sich mit dem „ja ich will“ eben nichts geändert hat. Aber die Reue danach symbolisiert: so schlimm kann’s nicht sein, dass man in der Hochzeitsnacht nicht gleich dem Swingerclub beigetreten ist.