504 Views |  Like

Weihnachtst(kl)age

Alle beklagen sich über Weihnachten. Das liegt wohl im Trend – so seit
einigen Jahren. Stress mit Geschenken, der Papi redet nicht mehr mit
der Mutti und auch der Hamster ist 1989 an Weihnachten gestorben. Die
vielen Menschen reihen sich vor den Regalen im Manor und es bleibt
unklar ob sie sich mehr über Andrang oder Angebot nerven während sich
andere auf der Rolltreppe vom Globus streiten. Allen ist gemein, dass
sie sich über die Kommerzialisierung des höchsten aller Feiertage
beklagen, ärgern, streiten. So vielseitig die damit verbundenen
Probleme auch sein mögen: Weihnachten ist der heimlich so
herbeigesehnte Anlass zur Hochkonjunktur des Wohlstandsärgers. Nicht
einmal an der Klagemauer herrscht mehr Andrang zur kollektiven Suhle
im Selbstmitleid selbst erschaffener Probleme.

Nach dem dritten Glühwein finde ich die Stimmung jeweils erträglich –
wenn auch immer noch traurig. Allesamt ärgern sie sich darüber, dass
sie nicht wissen, was sie sich wünschen, nicht wissen, was sie
schenken sollen und dass es überhaupt nur noch um diese verdammte
„Schenkerei“ gehe. Diesen Menschen gegenüber trage ich latent
provokativ die Frage vor, wer von ihnen denn jeweils vorschlägt, an
Weihnachten zu Mitternacht andächtig der Mitternachtsmesse zu lauschen
um dem wahren Sinn des Festes Tribut zu zollen…

Weihnachten fernab von Stress, Geschenken und Glühwein ist ja das
bedächtige Fest einer Geschichte, von der man den tragisch traurigen
Ausgang schon kennt: Den Karfreitag ohne Fleisch und Wein, dafür aber
mit Fisch, was für die Generation „Weight Watchers“ so übel eigentlich
nicht sein kann. Das Fest gilt aber nicht dem Ende der Geschichte,
sondern dem Anfang. Damals, so die Legende, hat das Licht des Sternes
von Bethlehem das Firmament zum Strahlen gebracht und die Hirten
erfreut – etwa so wie die zürcherische „Lucy“ die 40 000 Menschen an
der Einweihung der Weihnachtsbeleuchtung an der Bahnhofsstrasse. So
unbefleckt die Empfängnis dieses Lichtermeers auch dargelegt ist: Wir
alle können mit etwas „meh Dräck“ leben, schliesslich ist Weihnachten
ja das Fest der gelebten Liebe.

Dann ist da ja noch diese Sache mit dem Weihnachtsspeck, den man sich
zusätzlich anfrisst und über den man sich dann in der S-Bahn, am
Telefon oder bei einem Mittagessen beklagt. Dazu kann ich nur sagen:
Erspar es dir, iss doch einfach weniger oder erspar es dann zumindest
mir. Mangelnde Selbstdisziplin fand ich nämlich noch immer sympathisch
und ganz sicher nicht der Klage wert.

Und mal ganz ehrlich, wer Stress
mit Geschenken hat, der ist doch einfach nur zu eitel, zu narzisstisch
und besessen von der Vorstellung, das Jahrtausendgeschenk zu bringen
(das man ja eigentlich feiern würde), statt dem einen, kleinen aber
feinen Ding, das Herzen erfreut. Mit etwas minimal-Idealismus kann das
im Parfüm für die Ehefrau, im Racletteofen für die Tochter, den
Pastatellern für den Sohnemann, dem Sackmesser für den Vater oder den
Strapsen für die Geliebte bestehen: Was man schenkt sind ja nie Dinge,
sondern Gedanken.

Mein Plädoyer steht für Weihnachten mit Wein, Weib und Gesang – und
die individuelle Interpretationen dieser Begriffe. Als Tipp: Ein, zwei
Gläser Amarone spülen noch jeden Ärger runter, denn ein bisschen kommt
Weihnachten doch auch von Wein.