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Anna bittet zu Tisch

Zehn Fremde verbringen einmal im Monat die halbe Nacht bei Anna in der Stube. Ein Augenschein an einer Blind Dinner Party.

Die Türe zu Annas Wohnung steht offen; es dringen Stimmen ins Treppenhaus. Und Küchendüfte, die mir das Wasser im Mund zusammenlaufen lassen. Es ist Samstag um sieben und ich bin hier im vierten Stock in diesem alten, charmanten, frisch renovierten Wohnhaus an der Sihlfeldstrasse in Zürich-Wiedikon verabredet zum Abendessen. Mit neun Unbekannten.

Catherine, Annas Schwester und Mitbewohnerin, nimmt mir die Jacke ab, führt mich in die Stube und schenkt mir einen Drink ein. Hier sitzen bereits Marco, Chantal und Katja. Katja ist wie ich allein gekommen; Marco und Chantal sind zusammen da. Chantal sagt, sie habe einen Bärenhunger. Das klingt irgendwie lustig, weil sie eine so kleine, zierliche Person ist.

Willkommensdrink: Bellini. Prosecco mit weissen Pfirsichen. Die sind zwar nicht Saison, aber Anna hat gefrorenes Pfirsichmark aufgetrieben. Schmeckt frisch und nach mehr.

Anna Pearson steht in ihrer Küche und räumt auf. „Wenn ich jetzt noch am Kochen wäre, dann wäre etwas schiefgelaufen“, sagt sie. Sie trägt ein schwarzes T-Shirt, dunkelblaue Jeans und Converse und hat sich eine weisse Schürze umgebunden. Die blonden Haare sind hochgesteckt, um den Hals trägt sie ein schwarz-weiss gepunktetes Tüchlein. Kein Zweifel: die Frau in Annas Logo ist Anna.

Es klingelt nun in regelmässigen Abständen und wenig später stösst ein weiterer Teilnehmer zu unserer Dinner Party; oder auch gleich zwei.

Wir stossen jedes Mal an – das hilft, sich die Namen zu merken.

Amuse Bouche: Crostini mit Radicchio di Treviso tardivo, Gorgonzola und Birne. Die knusprigen Brötchen mit dem leicht bitteren Gemüse aus Treviso sind im Nu weg.

Anna hört aus der Stube Gelächter und freut sich darüber. Sie ist jedes Mal nervös. Hat Angst, dass es einmal einfach nur mucksmäuschenstill sein könnte, dass ihre Gäste sich nichts zu sagen haben. Die meisten sind sich ja noch nie zuvor begegnet. „Zum Glück ist das aber noch nie passiert!“, sagt sie und es ist immerhin schon zum zehnten Mal, dass die 29-Jährige zur Tafelrunde a tavola! einlädt.

Jetzt bittet Catherine die Gäste zu Tisch. Oder besser gesagt: zu der langen Tafel aus zwei zusammengeschobenen Holztischen. Es brennen weisse Kerzen. Kein Gedeck ist gleich wie das nächste und doch ist alles aufeinander abgestimmt. Das meiste hat Anna in Brockenhäusern zusammengesucht.

Antipasto: Rindscarpaccio mit getrockneten Heidelbeeren, Pinienkernen und Parmesan. Ein Hauch von Fleisch, wunderbar! Grazie, Signore Cipriani!
Dazu gibt’s Weisswein: Podium, Verdicchio Superiore DOC 2006, Garofoli, Marche.

Das kulinarische Thema des Abends ist die legendäre Harry’s Bar in Venedig, wo der Bellini (der Pfirsichdrink, den wir bereits getrunken haben) wie auch das Carpaccio erfunden wurde. Und wo seit ihrer Eröffnung 1931 nicht nur Hemingway seinen eigenen Tisch in der Ecke hatte, sondern auch Berühmtheiten wie Barbara Hutton, Humphrey Bogart und Alfred Hitchcock ein und aus gingen.

Julia, eine superschlanke Bernerin mit ganz kurzen, schwarzen Kraushaaren und einem ansteckenden Lachen, war schon mal in der Harry’s Bar in Venedig. Sie erzählt, wie da der Dry Martini an der Bar in grossen Kübeln angerührt und dann in Gläser abgefüllt wird. „Ein klassischer Martini ist gerührt und nicht geschüttelt, Mr. Bond!“ Sie reisst ihre runden Augen auf und lacht ihr übermütiges Lachen. Es wird überhaupt viel gelacht an diesem Abend. Sogar über den nicht mehr ganz aktuellen Hansli-Witz mit dem Investment-Banker-Papa, den jemand zu vorangerückter Stunde erzählt. Ja, wir sind uns alle gut gesinnt.

Nur einmal herrscht für einen Moment betretenes Schweigen. Nämlich als Christoph erzählt, dass er aus gesundheitlichen Gründen Vegetarier sei. Und Wolfgang wie aus der Pistole geschossen fragt: „Hast du Gicht?“

Wolfgang, ein Bayer und Brian-Eno-Fan, erklärt, er habe selber viele Freunde, die an Gicht leiden. Und die fragten ihn jeweils, ob er etwas Fleischloses kochen könnte, wenn sie bei ihm zu Besuch sind, weil sich sonst ihre Finger so verkrallten, dass sie nicht mehr gut am Computer schreiben könnten. Er beugt sich vornüber und demonstriert wie man mit verkrallten Fingern am Computer schreibt. „Aber Wolfi!“, sagt Julia. Christoph sagt, er habe keine Gicht.

Primo Piatto: Taglierini mit Buttersauce und weissem Trüffel. Der Grund für den 15-fränkigen Aufpreis für das heutige Menu. Auch wenn es laut Anna „Jugo-Trüffel“ sind und keine von Alba (viel zu teuer), ist das Gericht ein Gedicht und frischer Trüffel tausend Mal besser als das penetrante synthetische Trüffelöl, das man überall serviert bekommt!
Wir bleiben beim Weisswein.

Im Hintergrund singt Paolo Conte. Wir finden heraus, dass nur einer von uns zehn einen Mikrowellenherd besitzt, nämlich Marco. Dass Katja auf Kirschsteinkissen schwört, die für praktisch alles gut und gesund sein sollen und Wolfgang findet, dass die schönste Liebesszene der Kinogeschichte im Film „Don’t Look Now“ vorkommt mit Donald Sutherland und Julie Christie. Der Film spielt in Venedig. Und wir reden darüber, wie traurig es ist, dass diese wunderschöne mittelalterliche Stadt langsam im Meer versinkt.

Anna ist eigentlich Designerin. Sie merkte aber bald nach der Ausbildung, dass ihr das Handwerkliche fehlt. Und da Kochen schon immer eine Leidenschaft war von ihr, nahm sie sich eine sechsmonatige Auszeit, um im Restaurant ihrer Tante, dem Ponte dei Cavalli im Tessin, das Küchenhandwerk von Grund auf zu lernen. Seither arbeitet sie im Italia an der Zeughausstrasse im Kreis 4 als Köchin. Und kocht im Kopf auch nach der Arbeit weiter. Tüftelt an neuen Menüs herum, erfindet neue Kombinationen, ist immer auf der Suche nach guten Produkten.

Secondo Piatto: Wolfsbarschfilet und Artischocken «al cartoccio» (in der Folie gegart). Anna verspricht nicht zu viel, als sie mit dem Öffnen der Folie ein Dufterlebnis sondergleichen ankündigt.
Jetzt wechseln wir zum Roten: Merlot Corvina IGT 2009, Corte Giara, Veneto.

Wenn es um ihre Leidenschaft, das Essen, geht, kann Anna auch ziemlich ranzig werden. Nämlich wenn sie abends nach der Arbeit noch rasch in den Coop geht. Wenn sie da Prix-Garantie-Multipacks Hühnerbrüstchen aus Ungarn im Einkaufskörbchen vor ihr sieht. Dann muss sie sich sehr zurückhalten, um nicht an Ort und Stelle einen Vortrag über die globale Problematik der Nahrungsmittelproduktion zu halten. Es ist ihr überhaupt ein Anliegen, dass das Essen im Kontext mit der Umwelt gesehen wird, dass bewusst eingekauft wird. Ihr Motto: Weniger oft Fleisch essen, aber wenn, dann ein gutes Stück aus biologischer, artgerechter Tierhaltung.

Formaggio: «Ubriaco» (Kuhmilchkäse aus dem Veneto, der in Rotwein gereift ist und deshalb ein intensives Weinaroma hat.), dazu Traubenkonfitüre. Und Baumnüsse. Der süssen Traubenkonfi sei Dank ist der Käse, der tatsächlich ein sehr intensives Aroma hat, ein Genuss.
Wir trinken weiter Rotwein.

Michi, der den ganzen Tag auf dem Titlis snowboarden war, möchte sämtliche Drogen legalisiert haben. Die zierliche Chantal ist sich da nicht so sicher. Sie erinnert sich dafür nostalgisch-wehmütig an die Zeit, als in Flugzeugen und auch sonst überall noch hemmungslos geraucht werden konnte. Christoph findet, alle Raucher sollten mit dem Rauchen aufhören. Katja hat‘s vor Jahren getan. Katja ist eine Rheinländerin, die die Liebe nach Zürich gebracht hatte, und die die Liebe zu Zürich hierbehalten hat, als der Mann schon lange wieder weg war aus ihrem Leben und aus Zürich.

Dolce: Birnentorte mit Sauerrahmglacé von Sorbetto. Für diese himmlische Torte waren im Kochbuch der Harry’s Bar Äpfel vorgesehen anstatt Birnen und auch keine Pinienkerne und Rosinen.
Anna schenkt einen Süsswein ein: Recioto di Soave Col Foscarin 2004, Gini, Veneto.

Anna ändert gern bereits bestehende Rezepte ab; so entstehen ihre eigenen. Das machten auch Starköche wie Giorgio Locatelli und Marcella Hazan so, sagt sie. Oder Rose Gray und Ruth Rogers vom River Café in London, von denen sie sich gerne inspirieren lässt. Irgendwann wird Anna ihr eigenes Kochbuch veröffentlichen.

Nach Kaffee und Grappa, einem Caratello Barrique von Joe Pfister in Castelrotto, ist Mitternacht, und Anna und Catherine setzen sich zu ihren Gästen. Die Tafelrunde verliert jetzt nach und nach ihre Mitglieder. Vielleicht sieht man sich ja mal wieder. In der Zukunft vielleicht, dem Kellerlokal, in dem sich ganz Zürich irgendwann im Morgengrauen noch einfinde, wie Katja sagt, und wo die Musik einfach gut sei. Die Letzten, die gehen, sind Julia und Wolfgang. Da ist es schon halb drei.

Anna und Catherine lassen den Abwasch stehen und gehen schlafen. Gut möglich, dass Anna bereits von ihrer nächsten kulinarischen Herausforderung träumt.

Informationen zu vergangenen und zukünftigen Tafelrunden auf: www.atavola.annasfinest.ch

Fotografie: Annas finest