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Bill Pullman, usually known as „President of the United States“, im Interview mit BLACK PAPER

 Bildschirmfoto 2016-08-28 um 11.42.14Bei herrlichem Wetter und mit einem noch schöneren Blick über den Lago Maggiore treffe ich den US-Schauspieler Bill Pullmann im Tessin. Bekannt aus erfolgreichen Filmen wie Lost Highway, Independence Day und Spaceballs begegnet er mir ohne den kleinsten Anflug von Starallüren und kann es selbst noch immer nicht fassen, dass er am Abend zuvor vom Internationalen Filmfestival Locarno den Excellence Award Moët & Chandon überreicht bekommen hat. Der 62-Jährige sieht gut aus, sehr gut sogar und spricht mit einem verschmitzten Lächeln auf den Lippen über seinen Schweizer Nachbarn, die wahlfaulen Amerikaner und seine Angst, gegen Tom Hanks zu verlieren.

Bill Pullman: Ich habe gehört oder besser die Wetterapp auf dem iPhone sagt, das Wetter soll schlechter werden. Dabei haben meine Frau und ich doch einen ganz wilden Plan. Gemeinsam mit meinem Bruder habe ich eine Farm in Montana und unser Nachbar ist Schweizer. Seine Schwester lebt hier ganz in der Nähe und hat angeboten, uns den guten Schweizer Stuff zu zeigen. Geplant ist, dass wir um vier Uhr mit dem Helikopter zu einer Berghütte aufbrechen. Nur holt der uns nicht wieder ab, sondern wir müssen laufen.

Blackpaper: Dann lässt sich nur hoffen, dass sich das iPhone geirrt hat.

Pullman: Oh ja. Aber Frage: Das Festival zeigt die Filme auch bei Gewitter, oder?

Blackpaper: Das tut es und kaum jemand würde deshalb die Filme nicht schauen.

Pullman: Das ist wunderbar. Ich erinnere mich, dass ich ganz früher einmal bei einem Theaterstück in Montana mitgewirkt habe. Eines Abends zog ein Gewitter auf und irgendwie ist das magisch. Die Wolken bauen sich auf, der Regen kommt und dann wird es wieder hell. Es gibt dem Ganzen eine besondere Stimmung.

Blackpaper: Sie haben gestern Abend den Excellence Award Moët & Chandon bekommen. Sind Sie nicht zu jung dafür?

Pullman: Danke. Sie laden mich ein, meine dunkle Seite zu zeigen, die sagt: Schrecklich, diese Auszeichnung zu erhalten. Aber nein. Ich bin einfach nur dankbar. Ich gestehe, es gibt einen Teil in mir, der sich sträubt. Denn es ist ein Grund zu feiern und ich bin kein Feiermensch. Den Geburtstag am Strand zu verbringen, liegt mir fern. Daher habe ich sicher einen winzigen Moment lang daran gedacht, nicht zur Preisverleihung zu gehen. Denn es gibt so viele andere Dinge zu tun (lacht.) Aber ganz ehrlich: Ich bin überglücklich, weil der Award in den Vorjahren an so tolle Menschen ging.

Blackpaper: Sie haben in einigen Blockbustern mitgewirkt. Warum haben Sie die Rollen angenommen?

Pullman: Ich treffe die Entscheidung für oder gegen einen Film niemals aus finanzieller Sicht. So drehe ich beispielsweise gerade einen Low-Budget-Western in Montana. Sicher muss dabei das Gleichgewicht zwischen Einsatz und dem, was man bekommt, einigermassen stimmen. Aber während niemand einem Menschen wie David Lynch ins Drehbuch reinreden würde, lässt sich bei derartigen Produktionen mitreden. Und vor allem kann man die Rolle mitentwickeln.

Blackpaper: Lost Highway, Independence Day oder Schlaflos in Seattle – welcher Film war für Ihre Karriere am wichtigsten?

Pullman: In jedem Land sind die Reaktionen auf meine Filme anders. Ich war total überrascht, wie sehr die Amerikaner auf „Casper“ abgefahren sind. Hinzu kommt, dass es Filme für Frauen und Filme für Männer gibt. Frauen haben „Schlaflos in Seattle“ gemocht, Männer „Independence Day“. Eigentlich – das muss ich am Rande kurz erwähnen – wollte ich in „Schlaflos in Seattle“ gar nicht mitspielen. Denn ich wollte nicht der Mann sein, der gegen Tom Hanks verliert. Daher habe ich zuerst auch nein gesagt. Aber Meg Ryan sagte, du musst das machen.

Blackpaper: Sie haben bereits zweimal den Präsidenten der USA gespielt. Eine Ehre?

Pullman: Die Rolle in Independence Day stellte mich zu Beginn ziemlich auf die Probe. Damals war der Präsident ein Mensch, den man nur von der Seite und selten zu Gesicht bekam. Wir gehörten zu den Ersten, die eine Filmfigur aus ihm machten. Als über meine Agentur die Anfrage reinkam, ob ich den US-Präsidenten spielen möchte, hielt ich das zuerst für einen Witz. Rückblickend bin ich froh, mich auf dieses Abenteuer eingelassen zu haben. Nicht zuletzt weil ich sowohl Bill Clinton als auch Barack Obama dreffen durfte und hinter die Fassade des Weissen Hauses blicken konnte.

Blackpaper: Was halten Sie von der derzeitigen Inszenierung des Wahlkampfes in den Medien?

Pullman: Ich erlebe das Wahljahr als ein wunderbares Jahr für die Politik. In den USA gibt es so viele Menschen, die nicht wählen. Aber dieses mediale Drama motiviert alle, ihre persönliche Meinung zu äussern.

Blackpaper: Sie werden demnach wählen?

Pullman: Oh ja, und ich trete meinem jüngsten Sohn Bud, der nicht registriert ist, so lange in den Po, bis er es auch tut. Es ist für mich eine Überraschung, dass gerade junge Menschen sich nicht registrieren lassen.

Blackpaper: A propos jung. Als Sie Spaceballs gedreht haben, waren sie in Hollywood ein Newcomer. Wie war es, mit Mel Brooks zu drehen?

Pullman: Es war eine aussergewöhnliche Erfahrung. Denn es war die letzte Produktion von MGM und selbst der Make-Up-Kerl erschien mit Anzug und Krawatte. Es war das Ende einer Ära. Kommt hinzu, dass tolle Menschen dabei waren. Für mich war es erst der zweite Film – alle haben sich gefragt, wer ich bin.

Blackpaper: Haben Sie noch Kontakt mit Mel Brooks?

Pullman: Sicher, aber leider nicht genug. Aber ich erhielt vor kurzem im Zuge meiner Engagements am Theater einen Tribute. Sie hatten viele Testimonials eingeladen und Mel war der letzte, der etwas zu meiner Person gesagt hat. Es war toll und hat mir wieder einmal gezeigt, dass ich ihn zu wenig sehe.

Blackpaper: Auch David Lynch hat Ihren Weg gekreuzt.

Pullman: Während viele nach dem Lesen des Drehbuchs von Lost Highway zunächst einmal verwirrt waren, habe ich die Idee dahinter verstanden. Und sie gefiel mir. Zudem, da bin ich ehrlich, wollte ich auch gerne mit einem berühmten Regisseur zusammenarbeiten. Ich hätte auch am liebsten gleich zwei Rollen übernommen, aber Davids Reaktion war eindeutig. Er sagte: Lassen wir das. Am Ende war es ein grosser Spass.

Blackpaper: Und welche Rolle werden Sie in Ihrem aktuellen Western übernehmen?

Pullman: Meine Figur ist ein Mann, der sich selbst und seine aktuelle Situation in Frage stellt. Und so geht es mir auch manchmal. In solchen Momenten denke ich, dass ich aufwachen und feststellen werde, dass mein Leben bislang ein Traum war. Diese Rolle ist keine einfache, weil ich mich täglich mit mir selber auseinandersetzen muss. Aber sie ist wichtig. Denn für mich geht es im Leben darum, immer wieder herauszufinden, wer ich bin.