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Künstlerportrait : Tilmann Grawe

Tilmann Grawe liebt das Feminine. Im traditionellem und modernen Sinne. Er weiß klassische Elemente mit edlem  Skurrilem zu paaren, so dass eine dem Femininem allzeit  Tribut zollt. Studiert hat der deutsche Designer, heute in Paris lebend, an der Chambre Syndicale de la Couture Parisienne, wo er die Louis Féraud Haute Couture verinnerlichte. Zu seinen Verehrerinnen zählt unter anderem Lady Gaga. Er schafft der Kreativität neue Räume und Sphären. Mit Fotos von Peter Kallwitz.

 

 

DSC_0158Die pechschwarze Reklametafel aus Glas mit den schwungvoll daraufgeworfenen Goldlettern hütet Tilmann Grawe wie einen Schatz. Genauso wie das abgenutzte Armbrett und die große Schere, die so wunderbar schwer in der Hand liegt. Drei Erbstücke, die eine lange Familientradition symbolisieren. Denn was Großvater Josef Grawe mit einer kleinen Herren-Maßschneiderei in Dortmund begonnen hat, setzt der 46 Jahre alte Enkel heute als „Couturier“ für Damenmode fort.
Nur gibt’s einen kleinen, aber feinen Unterschied: Während der Senior sein „anzügliches“ Gewerbe einst tief im Westen, nämlich in Dortmund-Wambel, ausübte, entzückt der junge Grawe heute eine erlesene Kundschaft in Paris. Es klingt nach Bilderbuchkarriere: von der Ruhr an die Seine, von der deutschen Provinz in die Weltmetropole der „Haute Couture“.

Tatsächlich ist in Paris ein Märchen wie vom „tapferen Schneiderlein“ wahr geworden. Kaum hat der junge Deutsche vor 25 Jahren die Schneiderlehre in Frankfurt beendet („damals gab’s 203 Mark im Monat“), landet er kurz darauf beim großen Louis Féraud – jenem Star-Modeschöpfer, der in den Sechzigern Luxuskörper wie den von Sex-Idol Brigitte Bardot mit raffiniert geschnittenen Cocktailkleidern veredelte und mithalf, den Weltruf der Pariser „Haute Couture“ zu begründen.

Natürlich ist es nicht der Gesellenbrief der Frankfurter Schneiderinnung, der dem jungen Grawe die Türen zu den großen Häusern öffnet, sondern Können und Talent – kurz: Savoir-faire. Kein leichtes Unterfangen. Denn so fein die Stoffe und so elegant die Kreationen, so ruppig ist auch der Ton, der hinter den Laufstegen herrscht. „Zeig uns mal, ob du überhaupt schon einen Rock nähen kannst“, heißt es bei Féraud von oben herab.

DSC_0073Was Tilmann Grawe handwerklich und ästhetisch drauf hat, beweist er so richtig an der Seite von Paco Rabanne, dem experimentellsten und futuristischsten der Pariser Mode-Avantgarde. Weil der extravagante Spanier nicht nur Klassisches aus Chiffon und Crêpe, Samt und Seide entwirft, sondern Kleider von atemberaubender Schönheit auch mittels Lötgerät und Zange, Draht und Aluminium zusammenfügt, nennen sie ihn den „Klempner“ der Modebranche. Da die Chemie zwischen dem genialen Spanier und dem experimentierfreudigen Deutschen stimmt, bleibt Grawe sieben Jahre im Hause Rabanne. „Es klappte mit uns, weil wir einfach beide große Individualisten sind“, sagt der Designer heute rückblickend.

Ganz im Esprit des „Klempners“ lässt Tilmann Grawe seiner Phantasie freien Lauf. Entwirft kühne Kreationen – alles sehr spacig, sehr schrill: Haute Couture aus Plexiglas und Glasfaser, PVC und Perlen, Kristall und Stahl, Nieten und Federn. „Es war oft mehr Ganzkörperschmuck als Kleid“, sagt Grawe augenzwinkernd.

Die Modewelt in Paris ist ein Kosmos für sich – mit viel Glitzer und Glamour, Eleganz und Schönheit, genialen Designern und faszinierenden Models. Doch hinter der glanzvollen Fassade herrscht ein gnadenloser und ruinöser Wettbewerb, bei dem die, die gestern noch oben auf dem Mode-Olymp DSC_0016thronten, heute schon jäh in den Abgrund verstoßen werden können.

Grawe zieht seit Jahren einen erlesenen Kreis von Privatkundinnen auf der ganzen Welt an. Mal ist es ein sündhaft teures Hochzeitskleid für eine vermögende Kundin in Dubai, mal ein schwarzes Abendkleid mit einem geometrischen Dekolleté, in dem es die Schauspielerin Alexandra Kamp – an der Seite von Fürst Albert – auf die Titelseite der „Gala“ schafft.

Grawes prominenteste Bewunderin ist übrigens keine Geringere als US-Star Lady Gaga. Für ein Foto-Shooting in Paris schlüpfte die fünffache Grammy-Gewinnerin – oh la la – in ein sexy Bustier aus Plexiglas, das sich perfekt an ihren Busen schmiegt.

 

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