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Interview mit Till Brönner

Bereits um die Jahrtausendwende schreibt das Jazzecho:«Till Brönner als den emporstrebenden deutschen Nachwuchstrompeter schlechthin zu bezeichnen ist mittlerweile hinfällig, da er mehr Platten verkauft haben dürfte als jeder andere deutsche Jazztrompeter. Er spielt schon längst in der internationalen Oberliga.» Seit kurzem befindet sich der bekannteste deutsche Jazzexport und Echogewinner wieder auf Konzerttour und begeistert sein Publikum.
BLACK PAPER: Auf Ihrer neuesten CD spielen Sie nicht nur Trompete, Sie singen auch. Was war der Auslöser für diesen Mix?

Till Bröner: Dass ich auf der neuen CD singe, ist eigentlich gar nicht so verwunderlich, weil ich das auf der letzten CD auch immer getan habe. Allerdings beobachte ich immer wieder, sobald eine Stimme erklingt, ist jedes Instrument ein wenig Luft oder spielt zumindest die zweite Geige. Deswegen entsteht auch oft der Eindruck, dass es jetzt ein Album eines Sängers ist. Aber tatsächlich bin ich Trompeter, der einfach ab und zu mal singt. Das ist auch in den Konzerten immer total klar, dass ich mich in der Gewichtung nicht als jemanden inszeniere, der ich nicht bin, und mir macht das einfach nur Spass, das Singen. Begonnen hat es da- mit, dass ich mal vor Jahren der einzige Instrumenta- list in einer Gruppe von Blasinstrumenten war und ich musste unglaublich viel arbeiten und spielen. Ich war dann so müde und dachte mir, dann singst du einfach mal eine Nummer, dann musst du nicht soviel spie- len (lacht). Ich habe dann schnell bemerkt, dass mir das Publikum viel besser zuhört, nur weil ich mal eine Nummer gesungen habe, und da ging es gar nicht dar- um, dass ich besonders gut singe, sondern es war eine Art Earcatcher. Das hab ich dann einfach beibehalten, weil alle sagten:«Jetzt sing noch mal eine Nummer.»

In welchen Stimmung und Umgebung muss Till Brönner sein, um seine Texte zu schreiben?

„Meine Musiker machen einem alten Knacker wie mir noch ein wenig Feuer unter dem Allerwertesten.“

Also wenn ich selber schreibe, dann ist es meistens so, dass ich mir einen Texter zur Seite stelle, weil ich ungeheuren Respekt vor guten Texten hawn den Stücken geht. Natürlich ist es so, dass die Stücke grundsätzlich was über mich aussagen sollen und ich mich damit auch jederzeit identifizieren kann.

Sie haben einmal in einem Interview gesagt, dass die Trompete von allen Instrumenten dasjenige ist, das der menschlichen Stimme am nächsten kommt.

Es ist natürlich Geschmacksache. Aber ich glaube, dass die Trompete über viele verschieden Facetten und Farben verfügt und dass die dem wo das Mikrofon in- stalliert ist, den Eindruck einer menschlichen Stimme entwickeln oder erwecken kann. Ich versuche manch- mal sogar ganz bewusst den Klang der Trompete der menschlichen Stimme anzugleichen. Auf einem Instru- ment sprechen zu können, das ist etwas, was ich auch meinen eigenen Studenten immer erklären möchte. Sie sollen so spielen, als ob sie sich mit jemandem unter- halten.

Würde Sie Ihre Musik als zeitlos bezeichnen?

Das ist leider nicht meine Aufgabe, das beurteilen zu können. Aber ich denke mal, wenn man in zwanzig Jahren eine CD von mir noch rausholen kann und nicht denkt,«Oh Gott, aus welcher Epoche soll das denn stammen?», dann ist viel gewonnen (lacht).

Was erwartet die Zuhörer bei Ihrer aktuellen Tour- nee: mehr Singen oder mehr Trompete? Überwie- gend Lieder von der neuen CD oder ein Till Brönner- Potpourri?

Nein, auf jeden Fall mehr Trompete; das ist ganz klar, aber selbstverständlich wird auch ein wenig gesungen. Es wird ein sehr dynamisches Programm sein mit vie- len neuen Sachen, die es weder auf CD noch sonst wo bisher gegeben hat. Es gibt 16 Alben, aus denen ich lu- xuriös etwas rausgreifen kann, auf das ich gerade Lust habe. Ganz besonders viel Freude bereitet mir meine Band mit vielen Neuzugängen. Mit ihnen zu spielen macht grossen Spass und die machen einem alten Kna- cker wie mir auch noch ein wenig Feuer unter dem Al- lerwertesten.

Sie haben, bis sie 14 Jahre alt waren, eine klassische Ausbildung genossen – was war der ausschlagge- bende Punkt, wo Sie sagten,«Nein, das ist nichts für mich»?

Ich habe selbst auch Wettbewerbe bestritten und bin dort auch sehr erfolgreich gewesen. Aber ich bin da- durch auch frühzeitig mit einer Mentalität konfrontiert worden, die mir total fremd war.

Es war der Drang nach Perfektion, der unbedingte Wille, uniform aufzutreten und zu spielen, was im Buch steht. Das hatte für mich das völlig Gegenteilige erwirkt: Die Freiheit in der Mu- sik gar nicht mehr zu spüren, sondern zu einem Robo- ter zu verkommen. Ich glaub, dass dies viele klassische Musiker nach vollziehen können, wenn sie im klassi- schen Symphonieorchester sitzen und die ewig selben Werke mit der ewig selben Einstellung und mit dem ewig ästhetischen Bild zu produzieren sind. Das ist einerseits eine grosse Leistung, wovor ich heute auch enormen Respekt hab. Im zarten Alter von 14 Jahren hab ich dann das erste Mal Charlie Parker gehört und selben Werke mit der ewig selben Einstellung und mit dem ewig ästhetischen Bild zu produzieren sind. Das ist einerseits eine grosse Leistung, wovor ich heute auch enormen Respekt hab. Im zarten Alter von 14 Jahren hab ich dann das erste Mal Charlie Parker ge- hört und da wusste ich, eieeiei… (lacht) da gibt es noch was anderes. Dieses Erlebnis hat mir dann sprichwörtlich den Teppich unter den Füssen weg gezogen und mich unglaublich fasziniert, bis heute.

Sie unterrichten an der Musikhochschule Dresden. Was genau machen Sie dort? Passt das noch in Ih- ren sicherlich knappen Zeitplan?

Ja, ich hab zum Glück noch Zeit, weil ich nur ein hal- be Professur habe; das heisst, ich muss mich also nicht rund um die Uhr dort einbringen. Dies war auch eine Bedingung, nicht weil ich keine Lust habe, sondern weil ich es extrem wichtig finde, dass man gerade heutzutage Studenten das beibringt, was tatsächlich stattfindetundsichalsLehrernichtunterdieKäseglo- cke begibt und dann im sicheren Schosse des Staates Dinge erzählt, die vor 40 Jahren mal gegolten haben. Leider ist das sehr oft der Fall. Mir ist sehr wichtig, dass ich meinen Studenten ein grosses Basiswissen mitgeben kann wie zum Beispiel die Geschichte des JazzundderTrompetesowiedieTechnik.Dasistauch die Phase, wo es noch keinerlei Konkurrenz gibt. Auf der anderen Seite möchte ich ihnen erzählen, was man für Fehler heute vermeiden kann, damit sie nicht zu Beginn bereits einen schlecht Start hinlegen. Meine Studenten sollen Lust auf mehr kriegen und ihr Poten- tial ausschöpfen; denn jeder Student ist anders und ich gebe auch deshalb ausschliesslich Einzelunterreicht. Witzig ist, ich teile mir diese Professur mit meinem ei- genen Lehrer, den ich damals hatte. Er ist für die tech- nische Seite verantwortlich und ich für die Musik, dass heisst, wir bieten in Dresden eine weltweit einmalige Ausbildung an, die wie ein duales System funktioniert.

Sie sind bei der nächsten Staffel von X-Factor wie- der Teil der Jury. Was hat Sie gereizt, bei dem For- mat mitzumachen? Wäre so eine Casting- show für Sie früher auch eine Option gewesen?

Das ist eine gute Frage. Wir werden natürlich aus Deutschland in erster Linie nicht mit Jazz in Verbindung gebracht. Das geht aber auch anderen europäischen und asi- atischen Ländern so. Aber trotz- dem geht es auch in Amerika mehr um die Frage des einzelnen Individuums. Amerika ist natürlich das Land, wo viele Einflüsse zusam- men gekommen sind, dort wo der Jazz ist. Als Deutscher ist man eigentlich weltweit nicht schlecht angesehen, wenn es um Musik geht. Zudem sind wir ein Musikland Nummer Eins, insbesondere was die klassische Musik angeht, aber auch die zeitgenössische Musik geniesst einen hohen Stellenwert. Klar gibt es oft Vorurteile und die denken dann:«Was will der Sauerkrauttyp hier?» Und der spielt dann noch Jazz. Das Schöne aber ist, dass je- der, der in Amerika gut Jazz spielt, sofort Respekt be- kommt und das geniesst man einfach und es beruhigt einen auch. Dann geht es zum Glück nicht mehr um die Frage«Woher kommst du?», sondern «Wie gut bist duwirklich?».