722 Views |  Like

Visitenkarten

Keine Frage: Die Visitenkarte ist praktisch, handlich, manchmal sogar stylish und informiert das Gegen- über schnell, wer man ist und was man macht. Trotzdem muss einmal die Frage gestellt werden, ob es sich bei diesem Relikt aus wirklich alter Zeit nicht um ein Auslaufmodell handelt.

TV-Ermittler müsste man sein! Aus den Tiefen ihrer Manteltaschen zaubern die Matulas und Derricks dieser Welt souverän und dennoch an- gemessen diskret ein neutrales Stück Papier hervor, ge- folgt vom unvermeidlichen Satz:„ Hier ist mei- ne Karte, melden Sie sich“. Ein klares, sauberes Statement, das keinen Widerspruch duldet und Respekt einflösst, gefolgt von einem coolen Ab- gang. Cut. Doch leider ähnelt das Überreichen von Busi- ness Cards, wie es sich täglich tausendfach an Messen, Meetings und Vorstellungsgesprächen abspielt, eher einem umständlich inszenierten Krampf. Die Geste verleiht selbst einer lockeren Gesprächsrunde eine unnötig formelle Note. Eigentlich schade, denn eine Visitenkarte sollte im Idealfall ein Türöffner für beruflich ambitio- nierte Leute sein. Schliesslich lässt es sich kaum sonst wo auf so kleinem Raum klotzen, voraus- gesetzt, man beherrscht diese Kunst.

Gemäss der Hackordnung darf der Ranghöchs- te einer Runde als erster das Terrain mit seinen
Kärtli markieren, es folgt das Mittelfeld der Beta- Tiere und schliesslich fügen sich auch Assisten- tInnen, PraktikantInnen, etc. hoffnungsvoll in den Tauschreigen ein.
Da denkt man, auf dem Papier seien alle gleich, zumal jedem mehr oder weniger eine identi- sche Präsentationsfläche für die Selbstinsze- nierung zur Verfügung steht, doch gerade hier zeigen sich Machtgefälle besonders deutlich. Firma, Logo, Rang und Namen definieren un- missverständlich die eigene Positionierung im Haifischbecken. Wird die Karte gezückt, werden Hierarchiestrukturen fast noch offensichtlicher, als wenn jeder seine Bankkarten auf dem Tisch ausbreiten müsste. Vermutlich würden manche lieber die Hosen vor versammelter Mannschaft runterlassen, als sich durch die Präsentation der Visitenkarte womöglich zu blamieren. Es sei denn, die Visitenkarte ist Teil einer geschickt ein- gefädelten Blendwerk-Strategie. Dann hat man, zumindest vorerst, keine Blösse zu befürchten.

Und noch schlimmer: Auf der Wunderkarte wer- den auch eigene Mankos in Sachen Style und Geschmack enthüllt. Nicht jeder hat das Händchen, das Glück (oder das Budget), seine Visitenkarte vom Top-Grafiker seines Vertrauens ge- stalten lassen zu können. Grauenhaft, diese Typo! Dieses Logo, so was von 90er! Da es online zahlreiche Anbieter gibt, die einem vollmundig suggerieren, man könne ganz ein- fach, ohne fachlichen Support, selbst ein Designwunder vollbringen, sind viele dieser derart schablonenartig getrimmten Kärtli alles andere als gelungen.
Es ist schon bemerkenswert, wie viel Image man auf der knapp bemessenen Fläche einer Kre- ditkarte aufbauen – oder aber gründlich versauen kann. Damit hat sich dann auch das Ein- druck-Schinden und Networking der letzten 60 Minuten erledigt.

Nein, so haben sich das die namenlosen Erfinder der Visitenkarte, die gemäss Fachkreisen im alten Ägypten oder China gelebt haben sollen, vermutlich nicht vorgestellt. Damals war eine Visitenkarte ein Mittel zum Zweck, heute ist sie ein Statussymbol, eine zentrales Instrument im Dienste des Self Marketing. Als wolle man damit bekräftigen, dass man Jemand ist. Ein dickes Ausrufezeichen, eine Papier gewordene Daseinsberechtigung.

Da mittlerweile alle vom Bäcker bis zum Banker eine Visitenkarte besitzen, ist es mit der Indi- vidualität aber etwas schwierig geworden. Vielleicht hinterlässt man den nachhaltigsten und damit auch Match- entscheidenden Eindruck, wenn man KEINE hat? Was wäre denn eine ent- krampfte Alternative zur guten alten Visitenkarte? Vielleicht spontan auf Papierservietten und Bierdeckeln notierte Telefonnummern. Denn schliesslich ist die eigene Handschrift so einzigartig wie ein Fingerabdruck.