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Ein Museum der «neuen Generation»

Der Espace Horloger de la Vallée de Joux (EHVJ) feiert heute seine Neueröffnung. Acht Monate lang hat hier alles vibriert. Nicht im Takt der tickenden Uhren, sondern im Rhythmus der Arbeiter, die mit der Erneuerung des Museums beschäftigt waren.

Die Arbeiten begannen im Oktober: Es sollte alles neu werden. Heute ist das Werk vollbracht! Der neu belebte EHVJ steht mit beiden Beinen im 21. Jahrhundert. Die zweigeschossige Ausstellung wird mit Berufstafeln, Ludotemps und 3D-Filmen belebt. Ein Museum der «neuen Generation» und eine Uhrenplattform, die mit dem internationalen Ruf des Tales Schritt hält. Verfolgt werden verschiedene Ziele: Zunächst geht es darum, das in der Region verwurzelte Know-how zu erhalten und aufzuwerten. Sodann soll das Interesse geweckt werden. Und schliesslich wollen wir das Ausstellungsgut neu organisieren, um ein kohärentes und von jedem Publikum lesbares Ganzes zu schaffen. Auch der regionale Tourismus wird neuen Schwung erhalten.

Grand-Rue 2, Le Sentier. Alles beginnt im Jahr 1917, als die Firma Zénith zwei Fabriken baut, um von den Techniken und Spezialisierungen des Tales profitieren zu können. Zehn Jahre später kauft Jacques David LeCoultre die Liegenschaft und besiegelt ihr Schicksal mit einem neuen Namen: «L’Essor» – auf Deutsch so viel wie «Aufschwung» – soll ein gutes Omen für die Zukunft werden. So werden die in den Bauernhöfen der Region verstreuten Bauern, die sich nebenbei als Uhrmacher betätigen, auf drei Geschossen und hinter breiten Sprossenfenstern unter einem Dach vereint. Nichts wird mehr wie früher sein. Die Manufaktur nimmt ihren Betrieb auf und beginnt mit der Herstellung der aktuellsten Kaliber – unter anderem des neuen Uhrwerks von 11 Linien. 30 Jahre lang blüht die Produktion im Labor für Oberflächenbehandlung im Erdgeschoss und in der Fabrikationswerkstatt im Obergeschoss.

1979 wird das Gebäude von der Gemeinde Le Chenit aufgekauft und beherbergt seit 1996 das erste Waadtländer Uhrenmuseum. Der Bau ist von historischer Bedeutung und die ausgestellten Stücke zeugen von grossem Erfindergeist. 15 Jahre später genügen die verschiedenen Räume des Museums aber nicht mehr, um das Interesse der rund 3’000 Besucher jährlich zu wecken. Deshalb sollen ein neues Image und eine Kommunikation gefunden werden, die dem Anspruch genügt, das Museum, seinen Standort und seine Besonderheiten besser bekannt zu machen.

Ein Museum der «neuen Generation»

Das Museum soll sich klar positionieren, seine Persönlichkeit zur Geltung bringen. Die 250-jährige Kulturgeschichte wird deshalb ins ultratechnologische 21. Jahrhundert getragen. 500 m2 mit einem einzigen Ziel: Die Region und die Erfindungsgabe ihrer Uhrmacher näher bringen. Tauchen wir also ein in die Welt eines Uhrmachers aus dem Vallée de Joux: am BERUFSTISCH machen wir uns vertraut mit den Berufen rund um das Uhrwerk, die Ausstattung, die Dekoration und die Endbearbeitung. LUDOTEMPS zeigt dem angehenden Uhrmacher auf didaktische Art, wie ein mechanisches Werk zusammengesetzt wird. Nun muss er es nur noch einschalen. Eine Zusammenbauanleitung hilft bei jedem Schritt und erläutert die Lage und Funktion der einzelnen Teile. L’ESPACE ATELIER ist eine Demonstrationsplattform, wo immer wieder Schüler der Ecole Technique de la Vallée de Joux (ETVJ) etwas von ihrem erworbenen Wissen weitergeben. Ihre Handgriffe werden mithilfe von zwei Mikrokameras auf zwei Bildschirmen sichtbar gemacht. Wenn gerade niemand eine Demonstration durchführen kann, wird die Werkstatt mit Videos in einen Kubus verwandelt, an dessen Wand ein Film projiziert wird.

Schliesslich werden der KINOBEREICH mit dem 3D-Film, die WECHSELAUSSTELLUNG und ihre «Schuluhren», die SAMMLUNG VALLÉE DE JOUX und die Tablets mit Touchscreen oder – für die eher traditionell Eingestellten – der BOUTIQUE-BEREICH, wo noch echtes Papier das Sagen hat, Fachleute, Liebhaber und Neulinge gleichermassen in ihren Bann ziehen.

 Ein Projekt, das auch über die Grenzen des Vallée de Joux hinaus verbindet

Der neue EHVJ soll alle wirtschaftlichen und politischen Exponenten der Region verbinden. Nebst der Fondation Paul-Edouard Piguet, die das Projekt seit den ersten Schritten betreut und unterstützt, sind zahlreiche weitere Akteure daran beteiligt. So ist es bisher vom Kanton Waadt, der Loterie romande, der Fondation Göhner, den Uhrenunternehmen und ihren Lieferanten, den grossen Manufakturen sowie grosszügigen Spendern aktiv unterstützt worden. «Die Region kann davon nur profitieren», erklärt Cédric Paillard, Direktor von Vallée de Joux Tourisme. Anne-Catherine Lyon, Vorsteherin des Departements für Bildung, Jugend und Kultur, spricht von echter «Synergie» mit der ETVJ und «freut sich über die Wirkung auf die Kultur und die gesteigerte Attraktivität des Tales». Das Museum wird auch eine hervorragende Ergänzung der wenigen Privatmuseen der Region sein. Und wer weiss … Von den Tausenden von Besuchern der 500 m2 Ausstellungsfläche wird wohl der eine oder andere einst die Schulbank der Ecole Technique de la Vallée de Joux drücken. Denn hier werden Berufungen geweckt! Vincent Jaton, Vater des Projekts, fasst seine ursprüngliche Absicht wie folgt zusammen: «Die Zweckbestimmung des Espace wiederbeleben: Besucher von 7 bis 77 Jahren – und zwar Kenner und Neulinge – bilden und unterhalten. Einen Treffpunkt für Ausbildung, Wissensvermittlung und vor allem die bessere Bekanntmachung der Uhrenindustrie schaffen. Ein mudulierbares und didaktisches Kompetenzzentrum kreieren.» Einmal mehr zeigt sich hier, wie zeitgemäss die Bewohner des Vallée de Joux sind!